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Schriftzeichen und Fonts

Komplexe Kanji, einfache Kana und die Folgen

Japanische Typografie: komplexes Schriftsystem

Die Unmöglichkeit von japanischen Corporate-Fonts

Anders als in den Ländern mit lateinischem Alphabet ist in Japan die Menge der bisher entworfenen Schriftarten aufgrund ihres komplexen Schriftsystems sehr überschaubar. Bis heute habe ich noch nie gehört, dass ein japanischer Corporate-Font exklusiv für ein Unternehmen entworfen worden wäre. Die ersten Unternehmen haben gerade angefangen, zum Teil, nur für die lateinischen Buchstaben und die Ziffern, bestimmte Schriftarten zu verwenden. Anstelle des Wortes »Corporate Design« verwendet man auf den Inseln den Ausdruck »Visual Identity«, und dabei bezieht man sich hauptsächlich auf das Unternehmenslogo und die Anwendung in seinem direkten Umfeld. Von exklusiver Nutzung einer Hausschrift ist nirgends die Rede, weil jeder weiß, was für eine aufwendige Aufgabe es ist, einen kompletten Satz Schriftzeichen für einen japanischen Font zu entwerfen.

Japanische Fonts

Ungefähr drei bis vier Tausend digitalisierte japanische Fonts dürften auf dem japanischen Markt zu erwerben sein. Ein japanischer Font besteht eigentlich zum größten Teil aus chinesischen Schriftzeichen, den Kanji (Kanji-Tabelle mit 6.494 Kanji). Und gerade bei diesen ist es besonders schwierig, etwas Neues zu entwerfen, da es immerhin über 400 Schriftzeichen gibt, die aus mehr als 20 Strichen bestehen (werfen Sie doch einen Blick darauf: hier). Je mehr Striche ein Schriftzeichen hat, umso weniger Weißräume bleiben für die Gestaltung. Das heißt, je komplexer es ist, desto schwieriger ist es auch, ihm eine Form zu geben, die sich deutlich von dem gleichen Schriftzeichen aus einem anderen Font abhebt. Diese Tatsache schreckt die meisten Typedesigner davon ab, sich einer solchen Herausforderung zu stellen.

Komplexe Kanji in Mincho und Gothic

Vier Kanji in zwei Schriftarten: A1 Mincho (oben) und Gothic MB101.
Das erste und das zweite Kanji wird jeweils in 24, das dritte in 26, das vierte in 29 Schritten geschrieben (v.l.n.r.).

Die Form der japaneigenen Silbenzeichen, Hiragana und Katakana, ist dagegen sehr einfach. Sie bieten also Designern viele Freiräume, auch ist ihre Zahl mit je 46 noch gut überschaubar. Sie machen nur einen verschwindenden Teil eines japanischen Fonts aus, während die Kanji bis zu 90 Prozent des gesamten Platzes in Anspruch nehmen, sind aber entscheidend für das Erscheinungsbild des japanischen Textes, weil 60 bis 70 Prozent mit diesen Kana geschrieben bzw. gesetzt werden. Jedes Kana steht täglich viele Male im Rampenlicht, aber es gibt zahlreiche traurige, seltene Kanji, die zwar entworfen wurden, aber wahrscheinlich nie in ihrem Leben zum Einsatz kommen werden. Aus diesem Grund lohnt sich die Arbeit an den Kana besonders und es gibt in der Tat viele Typedesigner, die auf Kana spezialisiert sind. Möglicherweise gibt es heute schon auf dem japanischen Markt mehr Fonts ohne Kanji (sogenannte »Kana-Fonts«) als mit Kanji.

Hiragana und Katakana in Mincho und Gothic

Hiragana (links) und Katakana aus denselben Schriftarten wie die Kanji oben.
Im Gegensatz zu den komplexen Kanji lassen sich Kana viel freier gestalten.

»Gemischte« Fonts

Ein japanischer Font ohne Kanji? Man fragt sich vielleicht, was man denn damit anfangen soll. Ganz einfach: Man setzt ihn mit einem vollständigen buchstäblich zusammen. D.h., die vorhandenen Kana in einem kompletten japanischen Font werden durch andere ersetzt. Dieses »Kompositum« wird nun eine neue »gemischte Schriftdatei« und kann wie jeder normale Font verwendet werden. Mit Japanischen Satzprogrammen wie InDesign, PageMaker und QuarkXPress kann man beliebige »Komposita« im Handumdrehen erstellen und verwalten (am Beispiel von InDesign zeige ich das hier). Diese Praxis gibt es außerhalb Japans wohl nirgends, aber hierdurch genießen japanische Setzer heutzutage eine große Flexibilität bei ihrer Arbeit.

Beispiel:
Ich ersetze die Kana von der Hiragino Kaku Gothic, der Standardschrift in Mac OS X, durch die Kana von »Tsukiji«, einem der bedeutendsten Kana-Fonts von Shintaro Ajioka.

Hiragino Kaku Gothic. Ihre Kana (oben) und das Erscheinungsbild eines Absatzes:

Hiragana und Katakana von Hiragino Kaku Gothic
Sampletext von Hiragino Kaku Gothic
Hiragana und Katakana von Hiragino Kaku Gothic
Sampletext von Hiragino Kaku Gothic

Kanji unverändert, Kana ausgetauscht.
So lässt sich der Gesamteindruck japanischer Texte wirkungsvoll ändern.

Im obigen Beispiel wurden nur zwei verschiedene Fonts gemischt. Dabei ist die Zahl der einsetzbaren Fonts nicht beschränkt. Man kann zum Beispiel für lateinische Buchstaben einen anderen Font, für Ziffern einen weiteren nutzen usw. Es ist sogar möglich, nur für ein einziges Zeichen bzw. einen Buchstaben eine bestimmte Schriftart zu verwenden.

Zum komplexen Thema »lateinische Buchstaben im japanischen Text« erfahren Sie mehr unter »Lateinische Buchstaben im Text«.

  • Ajioka Kana-Fonts

Die Idee, das japanische Schriftbild nur durch das Auswechseln der Kana zu verändern, ist relativ neu. Japanischen Grafikdesignern wurde die große Bedeutung dieser skurrilen Idee erst so richtig klar, als der Kalligraf Shintaro Ajioka in den 80er Jahren seine bahnbrechende Arbeit präsentierte, die als der Grundstein für die heutige Entwicklung der japanischen Schriftgestaltung gilt.

Auf der Seite »Japanische Kana-Fonts« stelle ich Ihnen seine Schriften ausführlich vor.

Ajioka Kana-Fonts

Kanji, Kana und ihre Lesbarkeit

Kanji und Kana unterscheiden sich nicht nur in ihrem Äußeren, sie haben auch klar getrennte Funktionen im geschriebenen Text und spiegeln seine grammatische Struktur wider, wodurch das Erfassen des inhaltlichen Zusammenhangs optisch quasi doppelt erleichtert wird. Mit anderen Worten, das Erscheinungsbild von Kanji und Kana sollte sich nicht zu sehr ähneln, sonst sinkt die Lesbarkeit. Aus diesem Grund sind Kana eines gut lesbaren japanischen Fonts prinzipiell kleiner und individueller gezeichnet als Kanji, und diese Tendenz ist bei Mincho-Schriften deutlicher zu beobachten als bei Gothic-Schriften.

Eine Mincho-Schrift hat in der japanischen Typografie eine ähnliche Stellung wie eine Antiqua in der europäischen Typografie. Bei Fließtexten ist eine (gute) Mincho-Schrift besser lesbar als eine Gothic-Schrift, die nach ihrem Charakter einer serifenlosen Linear-Antiqua entspricht. Mincho-Schriften haben ein interessantes Merkmal, das jedoch nicht jedem sofort auffällt. Erst bei genauerem Betrachten erkennt man, dass Kanji und Kana einer Mincho-Schrift eigentlich nicht viel gemein haben.

Japanische Mincho-Schrift

Kanji, Hiragana und Katakana einer Mincho: Die Kanji (ganz oben) sind stark »typisiert«, und geprägt durch gemeinsame Elemente am Strichanfang und Strichende. Senkrechte und waagerechte Striche sind strikt gerade.

Hiragana und Katakana sind dagegen typische Pinselschriften, die eindeutig der natürlichen Handbewegung nachempfunden sind.

Japanische Gothic-Schrift

Dieselben Schriftzeichen einer Gothic. Anders als bei der Mincho ist eine einheitliche Gestaltung der gesamten Schriftzeichen bei Gothic-Schriften möglich, wodurch ein sehr homogenes Erscheinungsbild entsteht, was aber nicht gleich eine erhöhte Lesbarkeit bedeutet.

Für eine bessere Lesbarkeit sorgen auch hier die etwas kleiner gezeichneten Kana.

Hinter dem Erfolg Ajiokas steckt nicht nur der ökonomische Grund, dass man mit relativ wenig Aufwand verschiedene Schriftbilder erzeugen kann, sondern auch die Tatsache, dass durch eine gut überlegte optische Differenzierung von Kanji und Kana die Lesbarkeit erhöht werden kann.

Manga-Satz

Eine etwas andere Variante einer solchen Differenzierung findet man in jedem japanischen Manga, einem Medium, das in Japan einen anderen gesellschaftlichen Status hat als Comics in Deutschland und mehr als ein Drittel der gesamten Druckerzeugnisse ausmacht. Der Unterschied zwischen Kanji und Kana, hervorgehoben durch die Verwendung von Gothic und Mincho, kann sogar für eine bessere Lesbarkeit sorgen.

Japanische Typografie in Manga

Altbewährte Tradition: Kanji in Gothic, Kana in Mincho gesetzt. Für Dialogtext in Manga werden seit etwa den 1950er Jahren diese zwei Schriftarten gemischt, was aus europäischer Sicht einem Zusammenfügen von einer Grotesk und einer Antiqua gleich käme. Diese damals innovative Mischung ist so gelungen, dass viele Japaner überhaupt nicht wahrnehmen, dass sie eigentlich zwei Schriftarten lesen.

© Minoru Furuya 1995