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Lateinische Buchstaben im japanischen Text

Alleinstehende Ortsbezeichnungen, Produktnamen oder Satzarbeiten komplett in Englisch sind nicht das, womit die japanischen Setzer Probleme hätten. Es sind lateinische Buchstaben im japanischen Text, die sensible Typografen manchmal zum Wahnsinn treiben.

Lateinische Buchstaben im japanischen Text

Die Mühsal japanischer Typografen

So lautet auch der Titel des theoretischen Teils meiner Diplomarbeit. Ich schrieb darin, dass das lateinische Alphabet unter den japanischen Typografen für ziemliche Verwirrung gesorgt und die Kommunikationslandschaft ziemlich durcheinander gebracht hat. Vielen Japanern ist es heutzutage zwar egal, was sie im Alltag zu sehen bekommen, aber manche Typografen zerbrechen sich täglich den Kopf darüber, wie sie das Alphabet im japanischen Text harmonisch setzen sollen. Diese Aufgabe ist viel sensibler als manche denken.

In den folgenden Beispielen versuche ich eine heikle Problematik in der japanischen Satzarbeit zu veranschaulichen, die bei jedem »gemischten« Satz mit lateinischen Buchstaben auftaucht. Da es kein Allheilmittel gegen dieses Problem gibt, müssen japanische Typografen mit ihm leben und für jeden einzelnen Fall eine eigene Lösung finden.

Grundlinie und Mittelachse

Die Ursache des Problems ist ganz simpel: lateinische Buchstaben sind an der Grundlinie, japanische Schriftzeichen sind an der Mittelachse ausgerichtet. Vor allem die Minuskeln (Kleinbuchstaben) mit Unterlängen zerstören die Ruhe im Satz. Auch beim senkrechten Satz taucht dieses Problem auf, aber für europäische Augen ist vertikaler Textfluss ungewohnt, daher beschränke ich mich hier auf Beispiele in der gewohnten horizontalen Schreibrichtung.

Japanische und europäische Typography: Mittelachse und Grundlinie

Analyse zweier Welten, die gar nicht zueinander passen.

Es geht um den optischen Ausgleich zweier unterschiedlicher Schriftsysteme. Die Bedeutung des Beispieltextes spielt keine Rolle. Lateinische Buchstaben können überall im japanischen Text gesetzt werden, es gibt hierfür keine typische Stelle. Als Beispiele habe ich drei einfache Wörter in lateinischen Buchstaben ausgesucht, die sich jedoch in ihrer Optik voneinander stark unterscheiden: »Typography« mit fünf Unterlängen, »communication« ohne Ober- und Unterlänge und »TYPOGRAPHY« in Versalien.

Merkmale der japanischen und europäischen Schriftsysteme

Wörter in Silhouetten. Der Unterschied zwischen den beiden Schriftsystemen ist deutlich erkennbar. Im Japanischen ist die Mittelachse quasi die Symmetrieachse der Schriftzeichen und Ihr Textbild bleibt relativ homogen, während die Bilder der lateinischen Buchstaben je nach ihrer Kombination im Wort sehr unterschiedlich ausfallen.

Wenn lateinische Buchstaben im japanischen Text gesetzt werden

An diesen Konturen ist deutlich zu erkennen, wie sich fremde Buchstaben im japanischen Text einfügen. Kleinbuchstaben vertragen sich besonders schlecht mit Kanji.

Jetzt werfe ich noch kurz einen Blick auf die japanischen Fonts.

Beispieltext mit Kanji und Hiragana

Japanischer Text: Sechs Kanji und fünf Hiragana bilden den japanischen Beispieltext. Schrift: Ryumin Medium, Größe: 32 Punkt.

Lateinische Buchstaben eines japanischen Fonts

Japanische Typedesigner sind sich der Problematik der lateinischen Buchstaben seit langem bewusst und haben sich bereits etwas einfallen lassen. Sie haben die Unterlänge einfach verkürzt.

Japanische Schriftzeichen und lateinische Buchstaben eines japanischen Fonts

Eine gute Idee? Alles mit demselben Font gesetzt (Ryumin Medium, 32 Pt), sieht das Ganze so aus. Die neuen Buchstaben passen auf alle Fälle besser in die Zeile, aber sie sind, mit Verlaub, einfach hässlich. Außerdem sind sie schlecht oder gar nicht gekernt (zwischen T und y u.a.). Daher kommt der Einsatz solcher Buchstaben bei mir nicht in Frage.

Wie ich in »Typografie im Alltag« geschrieben habe, sind lateinische Buchstaben in japanischen Fonts generell vernachlässigt und Grafikdesigner würden sie für ihre Arbeit nie einsetzen. Abgesehen davon verwende ich für meine Kunden prinzipiell keine lateinischen Buchstaben aus japanischen Fonts, sondern die Fonts, die in der Originalausgabe verwendet wurden, wenn z.B. Eigennamen oder Adressen unübersetzt auch in der japanischen Ausgabe in lateinischen Buchstaben erscheinen sollen (mehr dazu finden Sie unter »Schrift und Image«).

Die gemischte Zeile wird nun in drei Schritten optimiert:

Mikrotypografie auf Japanisch: lateinische Buchstaben ersetzen

Schritt 1Die »hässlichen« Buchstaben wurden ersetzt durch Adobe Garamond Regular. Ihre Schriftgröße ist dieselbe wie die des japanischen Fonts, 32 Punkt, wirken aber im Verhältnis etwas klein.

Mikrotypografie auf Japanisch: Größe der lateinischen Buchstaben anpassen

Schritt 2Garamond vergrößert auf 36 Punkt. Schriftgröße und die Strichstärke der beiden Fonts sind jetzt optisch ausgeglichen. Aber die vielen Unterlängen springen heftig aus der Unterkante heraus und das Wort wirkt wie eingesunken.

Mikrotypografie auf Japanisch: Grundlinie der lateinischen Buchstaben versetzen

Schritt 3Die Grundlinie von »Typography« wurde um einen Punkt nach oben versetzt. Damit wurden brauchbare Grundeinstellungen bzw. Kompromisswerte ermittelt, könnte man denken – von wegen!

Mikrotypografie auf Japanisch: Japanische Schriftzeichen und Kleinbuchstaben

Unglücksstelle 1Wörter ohne Ober- oder Unterlängen wie in diesem Beispiel »communication« wirken zu klein, fremd und wissen nicht, in welcher Höhe sie sich im japanischen Text positionieren sollen.

Mikrotypografie auf Japanisch: Japanische Schriftzeichen und Großbuchstaben

Unglücksstelle 2Versalwörter wirken dagegen nicht nur im rein lateinischen oder kyrillischen Text etwas zu groß, sondern auch im japanischen. Außerdem wirkt das Wort extrem nach oben angehoben, obwohl seine Oberkante immer noch tiefer liegt als die Oberkante der Kanji.

Wie Sie sehen, ist das Problem sehr komplex und vielschichtig. Die richtige Einstellung für das eine Wort kann für ein anderes falsch sein. Auch ein und dasselbe Wort kann neben einem anderen Schriftzeichen anders aussehen, je nach dem, wie hoch das nebenstehende Schriftzeichen ist. Insbesondere bei Kana variiert die Höhe der Zeichen stärker als bei Kanji.

Die Charakteristik der lateinischen Buchstaben beeinflusst ebenfalls das Ergebnis. Buchstaben mit hoher x-Höhe, kurzer Unterlänge und niedriger Versalhöhe (wie Antique Olive unten) fügen sich im japanischen Text logischerweise unauffälliger ein als die mit umgekehrten Charakteristika.

Mikrotypografie auf Japanisch: Buchstaben mit höher x-Höhe, Versalhöhe

Japanisch-freundlich: Antique Olive Light in Hiragino Kaku Gothic W3

Auch wenn sich die oben erwähnten drei Schritte zum optischen Ausgleich – Schrift für das lateinische Alphabet auswählen, ihre Schriftgröße anpassen und die Grundlinien versetzen – in der japanischen Version von InDesign sehr einfach voreinstellen lassen, kann sich der Setzer nicht hundertprozentig darauf verlassen, dass damit alle Probleme gebannt sind. Je mehr lateinische Buchstaben im japanischen Text erscheinen, umso öfter muss der Setzer die »Unglücksstellen« manuell korrigieren, damit die ohnehin auffälligen lateinischen Buchstaben im japanischen Text halbwegs unauffällig bleiben.