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Flattersatz und Kursive im Japanischen

Was in der europäischen Typografie selbstverständlich ist, muss es deswegen noch lange nicht auch in der japanischen sein. Zwei typische Beispiele:

Typografie im japanischen Stil

Japanische Texte flattern nicht

In den meisten geschriebenen Sprachen der Welt werden Wörter voneinander getrennt. Die Zeilen werden bei Wortfugen umgebrochen. Die Zeilenlänge variiert ständig, weil die Wörter unterschiedlich lang sind. So entsteht der Eindruck, dass die Texte flattern. Aber Japanisch wird ohne Leerzeichen geschrieben und abgesehen von wenigen Ausnahmen kann ein Zeilenumbruch mitten im Wort nach jedem Schriftzeichen erfolgen. Deswegen gibt es in der Regel im Japanischen keinen Flattersatz, wie er in westlichen Texten verbreitet ist (ein Beispiel: Japanisch im »falschen« Flattersatz), für japanische Texte wird in den allermeisten Fällen Blocksatz verwendet.

Wo jedoch kein Bocksatz erwünscht ist, z.B. bei diversen Überschriften, Teasern oder Bildunterschriften, werden Texte in Form von Flattersatz gesetzt, wobei sich die Zeilenumbrüche nicht nach dem verfügbaren Platz, sondern immer nach inhaltlichen Erwägungen richten.

»Falsche« Kursive

Kursive Auszeichnungen sind in den meisten Sprachen sehr beliebt und werden häufig verwendet. Zitate, besondere Betonungen oder Buchtitel sind die typischen Einsatzgebiete der Kursiven. Aber bedauerlicherweise kann dieses praktische typografische Instrument im japanischen Text nicht eingesetzt werden, denn es gibt keine kursive japanische Schrift. Kursive Schrift entsteht nur bei horizontaler Schreibrichtung. Zwar schreiben Japaner heute auch waagerecht, aber ihre gesamten Schriftzeichen entstanden noch in jener Zeit, als sie ausschließlich senkrecht schrieben. In heutigen Textverarbeitungsprogrammen kann man durch einen Knopfdruck jedes Schriftzeichen elektronisch »verschiefen« aber diese Funktion müsste aus Sicht eines Typografen eigentlich verboten werden.

In Japanischen Texten sieht man allerdings manchmal eine kursiv-ähnliche Auszeichnungsmethode. Sie ist in der Ära der Fotosetzmaschinen entstanden und wird heute noch angewendet. Dabei werden Schriftzeichen meist in vertikaler Richtung geneigt (früher optisch, heute elektronisch). Die so manipulierten Schriftzeichen wirken durch ihr Erscheinungsbild auf den Leser »ungewöhnlich«. Sie sollen seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen und seine Neugier wecken. Sie werden aber eher als künstlich empfunden und werden keineswegs so wahrgenommen wie die Kursive in der europäischen Typografie.

Japanische Typografie: Blocksatz und Flattersatz

Zwei Bildunterschriften, zwei Satzarten.Die eine in Blocksatz, die andere (links) in Flattersatz japanischer Art. Sie sieht fast aus wie ein Gedicht.

Andere typografische Merkmale: Im oberen Haupttext kann man zwei verschiedene Arten von Anführungszeichen beobachten.

»Esquire« Special Issue, S. 137 © Esquire Magazine Japan 1997

Japanische Typografie: Headline und Teaser einer Zeitschrift

Flatternde Überschrift und Teaser. Ausschnitt aus einer Zeitschrift: Ob sich der Text gut liest, hängt stark vom Talent des Setzers ab.

Andere typografische Merkmale: Der lange Querstrich in der Mitte ist eine Art japanischer Gedankenstrich, der aus zwei nebeneinander gesetzten Geviertstrichen besteht. Er ist deshalb so lang, weil man einen einzelnen Geviertstrich leicht mit dem Schriftzeichen für »Eins« verwechseln kann, das einem Querstrich gleicht (mehr zu diesem Thema).

Namen von Autoren oder Fotografen gleich doppelt, zweisprachig in Japanisch und Englisch zu setzen, ist in Japan eine beliebte Praxis, auch wenn es überhaupt keinen Sinn hat. Es scheint bei vielen Japanern das Bedürfnis zu geben, irgendwo im Text auch lateinische Buchstaben zu verwenden, und dies erscheint ihnen als der einfachste Ort, da sie meinen, hier kaum etwas falsch machen zu können.

Eine fremde Schrift zu setzen, wird für eine einfache Sache gehalten, aber wie man in diesem Beispiel an den übergroßen Wortzwischenräumen gut erkennen kann, haben viele japanische Setzer noch eine Menge zu lernen, wenn es darum geht, Textstücke in lateinischer Schrift ansehnlich zu setzen.

»Esquire« Special Issue, S. 140 © Esquire Magazine Japan 1997

Japanische Typografie: Artikel über Sport

Blickfang 1.Ausschnitt aus einer Zeitschrift: Die Schriftzeichen der Überschrift sind geneigt und extrem eng gesetzt. In dem Artikel geht es um Sport, dazu passen die Schriftart und der dynamische Effekt sehr gut.

Andere typografische Merkmale: Flattersatz, Gedankenstriche und überflüssige englische Zeilen findet man hier auf engstem Raum vereint.

»Number« 460/461, S. 32 © Bungei Shunju 1999

Japanische Typografie: Suntory Yamazaki

Blickfang 2.Werbetext für den japanischen Whisky Yamazaki: Die letzte Zeile (links) ist der Produktname, die vorletzte ist quasi der Slogan als Blickfang.

Andere typografische Merkmale: Die im Copytext verwendete Kana-Schrift Schuei Kana No. 5 (Größe 5) ist eine der ersten modernen japanischen Buchdruckschriften, die Anfang des 20. Jahrhunderts entworfen wurden. Auch sie wird von Morisawa vertrieben. Ihr traditioneller Look ist wohl der Grund dafür, dass sie ausgewählt wurde, um für einen zwölf Jahre alten Whisky zu werben.

© Suntory 1998