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Fonts mischen – »Composite-Schriften«

Eine ganz besondere Funktion, über die sich anspruchsvolle Setzer besonders freuen. In Japan ist sie aus dem Bereich DTP nicht mehr wegzudenken.

Composite-Schriften Japanisch

Man sucht sich zunächst einen »Hauptfont« aus, der die Schriftzeichen für Japanisch komplett enthält. In ihm kann man nun beliebig viele Zeichen durch die entsprechenden aus anderen Fonts ersetzen. Daraus entsteht eine neue Schriftdatei, die wie ein ganz gewöhnlicher Font verwendet werden kann.

Die Menüs der japanischen Version von InDesign sind bedauerlicherweise ganz auf Japanisch. Aber ich hoffe, dass Sie trotzdem mit etwas Fantasie meinen Erklärungen folgen können.

»Composite Schriften« wählen

InDesign Japanisch Composite-Schriften

Unter »Schrift« befindet sich diese Sonderfunktion.

Das »Composite Schrift« Fenster

Im oberen Bereich werden die Informationen der aktuell gewählten Schriften angezeigt (1 bis 13). Unten kann man einen Vorschautext einblenden lassen, der sich beliebig bearbeiten lässt.

Die Informationen der gelb markierten Zeile erscheinen in den Eingabefeldern zum Bearbeiten (14). A bis G sind die Schaltflächen der diversen Anzeige-Optionen für den Vorschautext.

InDesign Japanisch Composite-Schriften Fenster

In Originalgröße

1Kanji 2Kana 3Satzzeichen* 4andere Zeichen* 5Lateinisches Alphabet* 6Ziffern*
7Fontname 8Schnitt 9Größenverhältnis 10Grundlinienversatz
11vertikale Skalierung 12horizontale Skalierung 13Skalierungspunkt in der Mitte
14Eingabefelder 15Ansichtsgröße 16Vorschautext bearbeiten …

ADurchschnittshöhe der Schriftbilder BKegelhöhe CGrundlinie
DVersalhöhe Emaximale Vertikalhöhe FObelänge Gx-Höhe

* 3, 4: Geviert-Zeichen, 5, 6: Halbgeviert-Zeichen

InDesign Japanisch Composite-Schriften Vertikalsatz

In Originalgröße

Vorschautext in vertikaler Schreibrichtung. Im Vertikalsatz werden lateinische Buchstaben zum größten Teil um 90 Grad gedreht gesetzt. Bei den Ziffern ist das allerdings nicht immer der Fall, denn es gibt im Japanischen zwei unterschiedlich definierte Zifferntypen: sogenannte Geviert-Ziffern und Halbgeviert-Ziffern. Die ersteren bleiben auch im Vertikalsatz aufrecht, wie Sie sie im Vorschautext erkennen können.

InDesign Japanisch Composite-Schriften Vorschau

In Originalgröße

Vorschautext vergrößern. Beispielweise auf 400 %. Man kann auch eine beliebige Zahl in das Eingabefeld eingeben.

InDesign Japanisch Composite-Schriften Vorschau Optionen

In Originalgröße

Anzeige-Optionen aktivieren. Grundlinie, Versalhöhe und x-Höhe der lateinischen Buchstaben sind hier eingeschaltet.

Abstand zwischen lateinischen Buchstaben und japanischen Schriftzeichen

Nach der Fertigstellung einer neuen »Composite-Schrift« kümmern sich japanische Setzer als nächstes um die Abstände zwischen allen möglichen Schriftzeichen bzw. Buchstaben und Satzzeichen. Wir konzentrieren uns jetzt aber nur auf den Abstand zwischen lateinischen Buchstaben und japanischen Schriftzeichen.

Japanisch wird grundsätzlich ohne Leerzeichen gesetzt, aber lateinische Buchstaben im japanischen Text sollten ein wenig »Luft« zwischen ihren fremden Nachbarn bekommen, damit die Spannung im Satz etwas entschärft wird (grüne Pfeile unten im Bild).

InDesign Japanisch Zeichenabstände

Von oben nach unten: mit Abstand von 0 %, 12,5 % fix und 25 % fix.

InDesign Japanisch Zeichenabstände

Ein einzelnes in Buchstaben geschriebenes Wort wie »Berlin« kann der gesetzte Text auch ohne Abstand einigermaßen vertragen. Aber wenn mehrere hintereinander auftreten wie »Berlin Mitte« oder »Onkel Toms Hütte«, wirken die Wortabstände in den europäischen Textstücken – die Lücken im Satz – wie Stolpersteine, durch die der Lesefluss immer wieder unterbrochen wird (oben).

Zu diesem Thema gibt es in Japan kaum Literatur. Deshalb kann ich mich hier mit meiner Ansicht auf keine allgemein gültigen typografischen Regeln beziehen, aber für meine Augen ist die untere Lösung (mit einem festen Abstand von 25 % zwischen lateinischen Buchstaben oder Ziffern einerseits und japanischen Schriftzeichen andererseits) eindeutig entspannter und lesefreundlicher als die obere.

In der deutschsprachigen Version von InDesign muss man all diese Änderungen an jeder einzelnen Stelle per Hand vornehmen (das habe ich tatsächlich ein Jahrzehnt lang gemacht), indem man unter »Zeichenformate« die Schriftart, -größe und den Grundlinienversatz definiert. Die Suche und das Formatieren der betroffenen Zeichen und Wörter erfordert viel Konzentration. Jedes Leerzeichen wird durch ein geschützes Leerzeichen mit fester Breite ersetzt (resistent bei Blocksatz) und von Fall zu Fall werden weitere kleinere Leerzeichen wie 1/8- oder 1/24-Geviert eingesetzt. Trotzdem ist das Ergebnis weniger zufriedenstellend als das in der japanischen Sprachversion, und die derart kompliziert gesetzten Texte voller unsichtbarer Sonderzeichen brechen durch kleine Textänderungen schnell auseinander. Die Arbeit ist zeitaufwendig, nervenaufreibend und mit einer hohen Fehlerquote verbunden.

Die japanische Version erledigt dagegen die mühselige Arbeit vollautomatisch, erspart mir immens Zeit und die ganze Mühe. Ich definiere gemischte Schriften und relevante Zeichenabstände, füge Texte in Textrahmen ein – und schon bin ich fertig. Und sogar auch beim Chinesischen kann ich mich auf die japanische Software verlassen.

Die Grundeinstellungen

Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch das Fenster vorstellen, in dem die Grundeinstellungen für Zeichenabstände vorgenommen werden. Ganz unten im Bild stellt man den Abstand zwischen lateinischen Buchstaben oder Halbgeviert-Ziffern einerseits und japanischen Schriftzeichen andererseits ein. Unter »Detaileinstellungen« sind noch individuellere Einstellungen möglich.

InDesign Japanisch Zeichenabstände Detail

Im Detail sieht es so aus, wie hier zu sehen. Man kann sich entweder für einen festen oder flexiblen Wert entscheiden. »25% (12.5%~50%)« bedeutet zum Beispiel, dass der Abstand in der Regel 25 % (1/4-Geviert) beträgt und je nach Bedarf zwischen 12,5 und 50 % schwanken kann.

Das Detail-Einstellungsfenster

Das ist eigentlich das Herzstück dieser Funktion. Was Sie im unteren Bild sehen, ist nur eine von zig möglichen Zeichenkombinationen, die es zu justieren gilt. Konkret werden in diesem Beispiel die Abstände zwischen einem lateinischen Buchstaben und allen möglichen danach folgenden japanischen Schrift- und Satzzeichen voreingestellt, und zwar in der genannten Reihenfolge (ein japanisches Schrift- oder Satzzeichen folgt auf einen lateinischen Buchstaben).

In Originalgröße

Im Bereich 1 werden die Zeichenreihenfolge und -kombination angezeigt. Links steht überall das A-Symbol, das für »lateinische Buchstaben« steht. In der gelb markierten Zeile wird gerade der Zeilenabstand zwischen einem lateinischen Buchstaben und einem danach folgenden Hiragana bearbeitet. Hier können beliebige (positive wie negative) Zahlen eingegeben werden.

InDesign Japanisch Zeichenabstände lateinische Buchstaben

Damit umgekehrt auch die Abstände vor einem lateinischen Buchstaben stimmen, wird die Zeichenreihenfolge umgedreht und man gibt erneut die gewünschten Werte ein. Hier sehen Sie unterschiedliche Satz- und Schriftzeichen links, den danach folgenden lateinischen Buchstaben, das A-Symbol, rechts.

 
  InDesign Japanisch Zeichenabstände Priorität

Prioritäten setzen: In zehn Stufen kann jeder Abstandseinstellung eine Priorität zugeordnet werden. Diese Einstellung kommt erst dann zum Tragen, wenn zwei automatisch zu justierende Zeichenabstände in derselben Zeile vorkommen.

Sie verstehen vielleicht nur Bahnhof und fragen sich, wieso Japaner Zeichenabstände so umständlich einstellen und nicht einfach die Unterschneidungsfunktionen nutzen, wie es bei den lateinischen Buchstaben üblich ist. Also warum?

Der erste Grund ist, dass in Japan in bestimmten Bereichen bis heute die Tradition fortbesteht, alles mit fester Laufweite (monospace) zu setzen. Wenn jedes Zeichen eines Fonts unabhängig von seiner Form eine feste Laufweite erhält, wird keine Buchstabenkombination einen speziellen Abstandsausgleich benötigen. Das führt aber dazu, dass zwischen zwei aufeinanderfolgenden Interpunktionszeichen eine große Lücke entsteht. Um diese zu verkleinern, gibt es Halbgeviert-Zeichen.

Japanisch Halbgeviert-Zeichen

Ohne einen typografischen Eingriff wird der Monospace-Satz ziemlich »lückenhaft« aussehen.

Japanisch Halbgeviert-Zeichen

Durch den Einsatz der Halbgeviert-Zeichen, hier orange dargestellt, verringert sich die große Lücke, und das nächste Zeichen kann ans Zeilenende vorrücken.

Japanisch Halbgeviert-Zeichen

In dieser Zeile gibt es noch eine zweite Möglichkeit, Halbgeviert-Zeichen einzusetzen. Wer dieses Ergebnis bevorzugt, gibt dieser Zeichenkombination eine hohe Priorität in der Voreinstellung.

Anders als beim analogen »echten« Buchdruck gibt es beim heutigen digitalen Monospace-Satz natürlich mehr als die zwei Möglichkeiten, um diese Abstände zu justieren. Die obigen Beispiele sollten lediglich veranschaulichen, nach welchen Prinzipien man sich in der klassischen japanischen Buchdrucktechnik gerichtet hat. Da auch heute noch so in manchen Fällen so gesetzt wird, obwohl es technisch mehr Möglichkeiten gibt, spreche ich von einer »fortbestehenden Tradition«. Jedenfalls sehen Sie, wozu diese aufwendigen Einstellungen benötigt werden.

Der zweite Grund hängt mit der modernen OpenType-Technologie zusammen, die ermöglicht, umfangreiche Informationen in der Schriftdatei zu speichern. Dazu gehört auch die Information über die individuelle Breite (»Dickte«) jedes einzelnen Schrift- und Satzzeichens, wobei die Dickten der Kanji zum größten Teil unabhängig von der Schriftart kaum variieren, während die der Kana sehr unterschiedlich ausfallen können. Zwar garantiert diese Information einen konstanten, harmonischen Zeichenabstand bei jeder Zeichenkombination, aber die Interpunktionszeichen im japanischen Text lassen sich erst durch einen gewissen Abstand zu dem benachbarten Schriftzeichen leichter wahrnehmen – genau wie die Interpunktionszeichen in der europäischen Typografie. Im Japanischen wird jedoch kein Leerzeichen gesetzt, weshalb die Zeichenabstände extra voreingestellt werden müssen.

Japanisch-Satz, proportionale Schrift

Wenn Japanisch so gesetzt wird wie eine europäische Sprache in einer proportionalen Schrift, was im »Zeichen«-Fenster des Programms zur Auswahl steht, sind die Zeichen von ihrer »unsichtbaren Einfassung« befreit. Durch die in der Schriftdatei gespeicherte Dickten-Werte wird der Abstand zwischen den Zeichen konstant gehalten. Aber die Interpunktionszeichen werden dadurch schwerer wahrnehmbar.

Japanisch-Satz, proportionale Schrift

Extra Abstand bei Interpunktionszeichen sorgt für eine erhöhte Lesbarkeit.

Japanisch-Satz, proportionale Schrift

Und bei dem proportionalen Satzverfahren kann man eventuell noch einen Schritt weiter gehen und ein weiteres Zeichen in der Zeile aufnehmen.

Adobe Illustrator und diverse Optionen für asiatischen Text

Das Zeichenprogramm Illustrator bietet umfangreiche Optionen zum Satz japanischer Schriftzeichen, und zwar schon seit langem (seit Version 7?). Die Rede ist nicht von meiner japanischen, sondern Ihrer deutschen Programmversion. Alles, was ich auf dieser Seite erklärt habe, können Sie auf Ihrem Computer ausprobieren – theoretisch. Auf der Website von Adobe finden Sie weitere ausführliche Informationen zur jeweiligen Funktion. Aber … weiß jemand, wieso ausgerechnet dieses Zeichenprogramm über diese speziellen Funktionen verfügt?

  • »Requirements for Japanese Text Layout« vom W3C

Wer sich gründlich über japanische Zeichensetzung und typografische Regeln bzw. Empfehlungen informieren möchte, der liest am besten dieses gigantische Dokument.