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Japanische Typografie – Chaos und Freiheit

Bei Satzarbeiten auf Japanisch treffen verschiedene Schriftsysteme aufeinander: chinesische Schriftzeichen (Kanji 漢字), japanische Silbenschriftzeichen (Hiragana ひらがな und Katakana カタカナ), lateinisches Alphabet, chinesische sowie indisch-arabische Ziffern. Und damit noch nicht genug, Japanisch kann man waagerecht und senkrecht schreiben.

Japanische Typografie – Chaos und Freiheit

Typografisches Chaos

Japanische Setzer haben es nicht leicht, all diese typografischen Elemente in Einklang zu bringen. Eine homogene, ruhige Satzarbeit, wie man sie sonst aus jeder anderen Sprache kennt, ist im Japanischen nicht zu erwarten. Chaotisch ist wohl der passende Ausdruck für die gegenwärtige Situation in der japanischen Typografie. »Gegenwärtig«, weil sie historisch gesehen nicht immer so regellos gewesen ist wie heute.

Das Chaos begann mit der Verwestlichung des Landes, die Ende des 19. Jahrhunderts mit voller Wucht einsetzte. Das lateinische Alphabet drang immer stärker in den japanischen Alltag ein. Bis dahin besaß auch das Japanische ein recht einheitliches, zum Teil sogar sehr elegantes Erscheinungsbild, es wurde konsequent von oben nach unten, und rechts nach links, geschrieben. Diese klassische Ästhetik der Japaner hat sich z.B. in der japanischen Schreibkunst bis heute erhalten.

Mehrere Versuche im vergangenen Jahrhundert, ein neues Schriftsystem einzuführen (z.B. unter Verzicht auf Kanji nur noch mit Kana zu schreiben oder sogar völlig auf das lateinische Alphabet umzustellen), um das Durcheinander der Schriften zu beenden, kamen nie über das Stadium von Fachdiskussionen hinaus. Der heutige chaotische Zustand der Typografie ist das Ergebnis einer natürlichen Entwicklung und von der japanischen Bevölkerung durchaus gewollt, wobei auch wissenschaftliche Studien an diesem Prozess beteiligt waren. Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass sich an dieser Situation in absehbarer Zukunft etwas ändert. Und das halte ich auch für richtig.

Es wäre falsch, diese Gegebenheiten nur negativ zu betrachten. Japanische Typografen können unheimlich viel aus der gegenwärtigen Situation machen. Typografisches Chaos in Japan bedeutet für sie auch eine einzigartige typografische Freiheit, die andere Typografen der Welt nicht haben, da sich diese an viel mehr Regeln halten müssen.

Richtungschaos

Auch hierzulande ist mittlerweile allgemein bekannt, dass man japanische Bücher hinten aufschlägt und Seite für Seite nach vorn blättert, wenn Texte von oben nach unten geschrieben sind, weil die Zeilen bei senkrechter Schreibweise von rechts nach links verlaufen. Japanische Manga in deutschen Buchhandlungen sind gute Beispiele. Sie werden »von hinten nach vorn« geblättert, weil die japanischen Texte, die ins Deutsche übertragen wurden, im Original senkrecht gesetzt waren, und aus ästhetischen wie Kostengründen auf einen Seitenumbau* verzichtet wurde. Aber scheinbar haben die deutschen meist jugendlichen Leser damit keine Probleme und so lässt sich vielleicht sogar sagen, dass sich auch in Europa die Lesegewohnheiten ändern.

In Japan gibt es zwei Richtungen des Textflusses. Man liest entweder von oben nach unten oder von links nach rechts. Oft werden die beiden Satzarten auf derselben Seite, Doppelseite oder im ganzen Buch durchweg gemischt. In welche Richtung so eine Publikation geblättert wird, hängt vom Inhalt ab. Es gibt keine klaren Regeln dafür und Japaner sind gewohnt, sich sofort auf die ständig wechselnde Leserichtung einzustellen.

Japanische Typografie: Doppelseite einer japanischen Zeitschrift

Wo fängt man an zu lesen?So sieht eine ganz gewöhnliche Doppelseite einer Zeitschrift aus. Die meisten Zeitschriften in Japan werden von rechts nach links geblättert, selbst wenn die Mehrheit der Texte waagerecht gesetzt ist.

»Esquire« Special Issue, S. 58–59 © Esquire Magazine Japan 1997

Japanische Typografie: Bildunterschriften in einer japanischen Zeitschrift

Mal unten, mal links.Dieser Ausschnitt aus einer Zeitschrift zeigt, wie flexibel japanische Bildunterschriften platziert werden können.

»pen« No. 291, S. 78 © Hankyu Communications 2011

Japanische Typografie: lateinische Buchstaben im Vertikalsatz

Verdrehte Buchstaben.Seite aus einem 1964 erschienenen Lehrbuch für Deutsch, das im Erzählstil geschrieben ist. Buchtexte werden meist senkrecht gesetzt, bei Romanen oder Erzählungen ist das fast ausschließlich der Fall. Normalerweise werden die lateinischen Buchstaben im senkrechten Satz um 90 Grad gedreht gesetzt. Aber in diesem Beispiel wurden kurioserweise auch drei Kanji, nach »geh-en« in der fünften Zeile von rechts, um 90 Grad gedreht. Ebenfalls gedreht gesetzt wurden die ganz kleinen »Ruby« genannten Schriftzeichen neben (eigentlich unter) den lateinischen Buchstaben.

Übrigens sind »Ich gehte.« und »I goed.« keine Druckfehler sondern Beispiele für falsche Formbildung.

»Doitsugo no susume« S. 95 © Goro Fujita 1964

Ziffern und lateinische Buchstaben im Vertikalsatz
Ziffern und lateinische Buchstaben im Vertikalsatz

Wandlungsfreudige Ziffern.Ausschnitt aus einem Berlin-Reiseführer: Besonders interessant ist, wie Ziffern und lateinische Buchstaben gesetzt sind. Zahlen mit bis zu zwei Ziffern wurden horizontal nebeneinander gesetzt (40 km, 60 m), ab drei Ziffern nicht mehr (200 m, 360). Die Seitenhinweise sind um 90 Grad gedreht (p.16, p.76, p.87). Trennstriche werden im Japanischen oft gar nicht gesetzt und auch hier bei »Panoramapunkt« einfach weggelassen. Übrigens ist das Kilometer-Zeichen »km« im japanischen Font als ein eigenes Zeichen vorhanden.

»Sugao no Berlin« S. 28 © Masato Nakamura 2009

Priorität Senkrecht.Die Telefonnummer kommt Europäern sicher eigenartig vor. Man hätte sie genauso gut auch um 90 Grad gedreht setzen können, wie die URL daneben. Aber so ist es in Japan durchaus üblich. Offensichtlich ist es Japanern lieber, wenn im senkrechten Lesefluss die Zeichen nicht gekippt werden.

»pen« No. 291, S. 82 © Hankyu Communications 2011

  1. Im Gegensatz zu westlichen Comics werden japanische Mangas von rechts nach links gelesen. Deshalb müssen für die Herstellung der z.B. deutschen Ausgabe von Manga eigentlich alle Frames komplett neu angeordnet und von Fall zu Fall korrigiert werden, damit die Schreib- und Handlungsrichtung stimmt. Aber so etwas Aufwendiges machen nur die wenigsten Perfektionisten wie Katsuhiro Otomo mit seinem Meisterwerk AKIRA.
Japanische Typografie in Manga: AKIRA Originalausgabe

Eine Doppelseite von AKIRA aus der Originalausgabe (nur in schwarzweiß veröffentlicht).


Die gleiche Doppelseite aus der vollfarbigen internationalen Ausgabe. Man sieht, dass nicht nur die einzelnen Zellen gefärbt und einfach horizontal gespiegelt wurden, auch die Form der Sprechblasen ist an die horizontale Schreibrichtung angepasst.

Das kleine Bild rechts zeigt (Vergrößerung durch Berühren mit dem Mauszeiger) ebenfalls die gleiche Doppelseite aus der Reimport-Ausgabe auf Japanisch. Ungewöhnlich daran ist, dass die Texte horizontal gesetzt sind, noch interessanter, dass die Dialoge aus dem Englischen zurückübersetzt wurden und mit denen der Originalausgabe nicht identisch sind.


Original-Abbildungen: aus dem Blog eines japanischen Otomo-Sammlers.

  • »Requirements for Japanese Text Layout« vom W3C

Wer sich gründlich über japanische Zeichensetzung und typografische Regeln bzw. Empfehlungen informieren möchte, der liest am besten dieses gigantische Dokument.