Flattersatz und Kursive im Japanischen

Kursiv, Typografie

»Kursiv – Was Typographie auszeichnet« von Hendrik Weber, 2010

Was in der europäischen Typografie selbstverständlich ist, muss es deswegen noch lange nicht auch in der japanischen sein. Typische Beispiele.

Japanische Texte flattern nicht

In den meisten geschriebenen Sprachen der Welt werden Wörter voneinander getrennt. Die Zeilen werden bei Wortfugen umgebrochen. Die Zeilenlänge variiert ständig, weil die Wörter unterschiedlich lang sind. So entsteht der Eindruck, dass die Texte flattern. Aber Japanisch wird ohne Leerzeichen geschrieben und abgesehen von wenigen Ausnahmen kann ein Zeilenumbruch mitten im Wort nach jedem Schriftzeichen erfolgen. Deswegen gibt es in der Regel im Japanischen keinen Flattersatz, wie er in westlichen Texten verbreitet ist. Für japanische Texte wird in den allermeisten Fällen Blocksatz verwendet.

Wo jedoch kein Bocksatz erwünscht ist, z.B. bei diversen Überschriften, Teasern oder Bildunterschriften, werden Texte in Form von Flattersatz gesetzt, wobei sich die Zeilenumbrüche nicht nach dem verfügbaren Platz, sondern immer nach inhaltlichen Erwägungen richten.

Japanische Typografie: Blocksatz und Flattersatz

Zwei Bildunterschriften, zwei Satzarten.Die eine in Blocksatz, die andere (links) in Flattersatz japanischer Art. Sie sieht fast aus wie ein Gedicht.

Andere typografische Merkmale: Im oberen Haupttext kann man zwei verschiedene Arten von Anführungszeichen beobachten.

©1997 Esquire Magazine Japan

Japanische Typografie: Headline und Teaser einer Zeitschrift

Flatternde Überschrift und Teaser. Ausschnitt aus einer Zeitschrift: Ob sich der Text gut liest, hängt stark vom Talent des Setzers ab.

Andere typografische Merkmale: Der lange Querstrich in der Mitte ist eine Art japanischer Gedankenstrich, der aus zwei nebeneinander gesetzten Geviertstrichen besteht. Er ist deshalb so lang, weil man einen einzelnen Geviertstrich leicht mit dem Schriftzeichen für »Eins« verwechseln kann, das einem Querstrich gleicht (mehr zu diesem Thema).

Namen von Autoren oder Fotografen gleich doppelt, zweisprachig in Japanisch und Englisch zu setzen, ist in Japan eine beliebte Praxis, auch wenn es überhaupt keinen Sinn hat. Es scheint bei vielen Japanern das Bedürfnis zu geben, irgendwo im Text auch lateinische Buchstaben zu verwenden, und dies erscheint ihnen als der einfachste Ort, da sie meinen, hier kaum etwas falsch machen zu können.

Eine fremde Schrift zu setzen, wird für eine einfache Sache gehalten, aber wie man in diesem Beispiel an den übergroßen Wortzwischenräumen gut erkennen kann, haben viele japanische Setzer noch eine Menge zu lernen, wenn es darum geht, Textstücke in lateinischer Schrift ansehnlich zu setzen.

©1997 Esquire Magazine Japan

»Falsche« Kursive

Kursive Auszeichnungen sind in den meisten Sprachen sehr beliebt und werden häufig verwendet. Zitate, besondere Betonungen oder Buchtitel sind die typischen Einsatzgebiete der Kursiven. Aber bedauerlicherweise kann dieses praktische typografische Instrument im japanischen Text nicht eingesetzt werden, denn es gibt keine kursive japanische Schrift. Kursive Schrift entsteht nur bei horizontaler Schreibrichtung. Zwar schreiben Japaner heute auch waagerecht, aber ihre gesamten Schriftzeichen entstanden noch in jener Zeit, als sie ausschließlich senkrecht schrieben. In heutigen Textverarbeitungsprogrammen kann man durch einen Knopfdruck jedes Schriftzeichen elektronisch »verschiefen« aber diese Funktion müsste aus Sicht eines Typografen eigentlich verboten werden.

In Japanischen Texten sieht man allerdings manchmal eine kursiv-ähnliche Auszeichnungsmethode. Sie ist in der Ära der Fotosetzmaschinen entstanden und wird heute noch angewendet. Dabei werden Schriftzeichen meist in vertikaler Richtung geneigt (früher optisch, heute elektronisch). Die so manipulierten Schriftzeichen wirken durch ihr Erscheinungsbild auf den Leser »ungewöhnlich«. Sie sollen seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen und seine Neugier wecken. Sie werden aber eher als künstlich empfunden und werden keineswegs so wahrgenommen wie die Kursive in der europäischen Typografie.

kursive japanische Schrift

Blickfang 1.Ausschnitt aus einer Zeitschrift: Die Schriftzeichen der Überschrift sind geneigt und extrem eng gesetzt. In dem Artikel geht es um Sport, dazu passen die Schriftart und der dynamische Effekt sehr gut.

Andere typografische Merkmale: Flattersatz, Gedankenstriche und überflüssige englische Zeilen findet man hier auf engstem Raum vereint.

©1999 Bungei Shunju

kursive japanische Schrift Anzeige

Blickfang 2.Werbetext für den japanischen Whisky Yamazaki: Die letzte Zeile (links) ist der Produktname, die vorletzte ist quasi der Slogan als Blickfang.

Andere typografische Merkmale: Die im Copytext verwendete Kana-Schrift Schuei Kana No. 5 (Größe 5) ist eine der ersten modernen japanischen Buchdruckschriften, die Anfang des 20. Jahrhunderts entworfen wurden. Auch sie wird von Morisawa vertrieben. Ihr traditioneller Look ist wohl der Grund dafür, dass sie ausgewählt wurde, um für einen zwölf Jahre alten Whisky zu werben.

Anzeige von Suntory, 1998

  • Flattern japanische Texte doch?

»Ikko Tanaka – Tradition and Design today«, 1998

In der Tat habe ich hier ein interessantes Beispiel für einen japanischen Pseudo-Flattersatz. Es handelt sich um einen Katalog über die Arbeiten von Ikko Tanaka (1930–2002), der bis heute einer der einflußreichsten japanischen Grafikdesigner ist und als der Urvater des Grafikdesigns in Japan gilt. Der vorliegende Katalog wurde von seinem eigenen Designstudio gestaltet, d.h., dieser Pseudo-Flattersatz ist kein Fehler sondern durchaus so gewollt.

Sagen wir, er hatte nur starke Sehnsucht nach dem westlichen Satzbild, setzte seine Ideale in seinem Buch um und die japanischen Zeilen »flattern«. Bekanntlich ist Papier geduldig und über Geschmack lässt sich auch nicht streiten. Aber eines kann ich mit Sicherheit sagen, dass diese Vorgehensweise sehr fehleranfällig ist, da wirklich jede Zeile manuell umgebrochen werden muss. Ausgerechnet im Vorwort, auf der ersten Seite dieses wunderschönen Kataloges, sieht man einen fatalen Schönheitsfehler, der bedauerlicherweise übersehen wurde:

»Ikko Tanaka – Tradition and Design today«, 1998

Beim Blocksatz kann so etwas nicht passieren. Also bitte nicht nachmachen und japanischen Fließtext immer schön im Blocksatz setzen.