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Morisawa – Firmengeschichte

Japans einflussreichstes Schriftenhaus Morisawa ist aus der japanischen Kommunikationslandschaft nicht wegzudenken. Dort gibt es keinen Grafikdesigner, der nicht mit einem Morisawa-Font arbeitet.

Heute ist der Name Morisawa bekannt unter anderem als Hersteller der digitalen japanischen Fonts für Computer. Das im Jahr 1948 in Osaka gegründete Unternehmen entwickelt, produziert und verkauft zwar auch diverse Software und hochwertige, über 100.000 Euro teure Druckmaschinen-Systeme, aber sie sind speziell an Industrie und Gewerbe gerichtet, so dass über die Ausweitung des Unternehmens ein normaler Bürger kaum informiert ist.

In den 1980er Jahren, als die Digitalisierung der Zeichensätze weltweit ihren Anfang nahm, war Morisawa das erste und einzige japanische Unternehmen, das sich auf diese große technische Veränderung – eingeleitet durch den PostScript-Erfinder Adobe – einließ und schneller und flexibler damit auseinandersetzte als alle anderen Schriftenhäuser des Landes. Jahre später erntet Morisawa die Früchte dieser cleveren Entscheidung. Heute besitzen die Morisawa-Fonts mit Abstand den größten Marktanteil auf dem japanischen Markt.

Das Typedesign der Morisawa-Fonts ist nicht das allerbeste, murmeln die nostalgischen Grafikdesigner schon immer (mehr zu diesem Thema). In der Anfangsphase der Digitalisierung der japanischen Zeichensätze hatten Grafikdesigner keine andere Wahl als die Morisawa-Fonts zu verwenden, weil die Konkurrenz verschlief. Das ist sicherlich einer der Gründe, warum sich die Morisawa-Fonts in Japan erfolgreich durchgesetzt haben, aber bestimmt nicht der ausschlaggebende Grund.

Hinter dem Erfolg des Unternehmens steckt nicht nur die große Mühe der Typedesigner sondern auch Japans spezielles Lizenzprogramm für Fonts, das es seit 2002 gibt und von dem Morisawa derzeit am stärksten profitiert. Ich erzähle Ihnen hier von der Entstehungsgeschichte der Lizenzprogramme.

Japanische Fonts – die weltweit komplexesten Zeichensätze

Die Anzahl der belegten Glyphen in den so genannten »CJK-Fonts« – chinesische, japanische und koreanische Fonts – liegt oft weit über 10.000. Keine andere Sprache dieser Erde verwendet mehr Schriftzeichen als sie (zum Vergleich: für Englisch reicht ein Font mit 100 Glyphen völlig aus). Vor allem dürfte Japanisch, wenn es um die Vollständigkeit seiner Zeichensätze geht, wegen seiner Komplexität, als die aufwändigste Sprache bezeichnet werden. Ein japanischer Font besteht aus chinesischen Schriftzeichen, japanischen Silbenschriftzeichen, dem lateinischen Alphabet und landesspezifischen Satzzeichen. Außerdem wird beim Entwurf einzelner Schriftzeichen berücksichtigt, dass Japanisch in zwei Richtungen, die waagerechte und die senkrechte, geschrieben wird.

Normalerweise arbeitet ein Team aus Zeichnern und Designern mehrere Jahre lang an einem Font. Deshalb ist die Anzahl der bis heute angefertigten japanischen Fonts noch relativ überschaubar. Während die Zahl der heute verfügbaren Fonts für europäische Sprachen längst im sechsstelligen Bereich liegt und kein Mensch mehr weiß, wie viele es tatsächlich davon gibt, könnte man noch versuchen, die existierenden japanischen Fonts zu zählen. Leider habe ich keine verlässliche Statistik darüber finden können, aber es dürfte meiner Einschätzung nach zwischen 3.000 und 4.000 Schriftarten für Japanisch geben. Darunter erfüllen vermutlich weniger als 1.000 Fonts den modernen japanischen OpenType-Pro-Standard mit mehr als 15.000 Glyphen (damit Sie eine ungefähre Vorstellung davon haben, wie viel sie sind, sehen Sie erstmal hier 6.494 Kanji am Stück).

Hoher Aufwand, hoher Preis und eine neue Lösung

Wenn man bedenkt, wie viel Arbeit hinter einer gepflegten japanischen Schriftdatei steckt, wundert man sich nicht über ihre Preise. Wer auf den Einsatz verschiedener hochwertiger Schriften großen Wert legt, muss mit hohen Ausgaben rechnen. Wie bereits kurz erwähnt, sind japanische Fonts nicht alle gleich. Kana-Fonts enthalten weniger als 400 Zeichen, sind keine »vollständigen« Fonts, aber enorm wichtig für die Vielfalt des japanischer Satzes. Auch bei »vollständigen« Fonts sind die Zeichenplätze nicht gleich belegt. Die einfachsten Fonts enthalten »nur« die wichtigsten 4.000 Zeichen und die nach dem neuesten Standard erstellten Fonts umfassen mehr als 23.000 Zeichen. Für die letzteren muss man logischerweise mehr bezahlen. Immer mehr japanische Fonts, die einst nach älteren Standards erstellt worden waren, werden zu neuen OpenType-Fonts überarbeitet, verfeinert und weiter ausgebaut. Diesen Trend kennen Europäer ebenfalls bei ihren OpenType-Fonts, die seit Anfang des 21. Jahrhunderts unter anderem für die Unterstützung mittel- und osteuropäischer Sprachen erweitert werden, was früher mit den einfachen PostScript-Fonts nicht möglich war.

Durch die Verbreitung des OpenType-Standards wird eine Schriftdatei zwar immer umfassender, praktischer aber auch teurer. Einerseits freuen sich Grafikdesigner selbstverständlich über die verbesserte Anwendbarkeit und neue Qualität der Zeichensätze. Aber anderseits wird der hohe Preis in der Tat für viele Designer zum Hindernis. Man verzichtet aus Kostengründen auf die Qualität, und gutes Design wird von der Finanzkraft der Designer abhängig gemacht. Dies führt zur Einschränkung der Vielfalt und schließlich zur Stagnation der Weiterentwicklung der Kommunikationsbranche.

Damit es nicht soweit kommt und um den Kreativen mehr Freiheit bei der Schriftwahl zu verschaffen, haben sich einige Schriftenhäuser etwas einfallen lassen. Statt wie bisher jeden einzelnen Schriftschnitt im Festpreis zu verkaufen, wird das gesamte Sortiment eines Schriftenhauses im Jahresabo angeboten, d.h., man erwirbt eine einjährige Lizenz zur unbegrenzten Nutzung der gesamten Fonts eines Schriftenhauses an seinem Rechner. Die Preise für eine solche Lizenz variieren von Anbieter zu Anbieter, aber sie entsprechen etwa dem Preis, den man für ein paar japanische Schriftschnitte ausgeben muss. Es gibt ca. 50 Schriftenhäuser in Japan und zurzeit sind mir acht Schriftenhäuser bekannt, die ihre gesamten Fonts durch ein Lizenzprogramm anbieten. Die Idee stammt ursprünglich von dem in Fukuoka ansässigen Schriftenhaus Fontworks, welches sein Lizenzprogramm bereits im Jahr 2002 einführte.

MORISAWA PASSPORT heißt das Lizenzprogramm von Morisawa mit Japans größtem Schriftensortiment, das kontinuierlich wächst. Die Zahl der verfügbaren Schriftschnitte beträgt mehr als 1.000. Lizenznehmer verfügen über das gesamte Schriften-Sortiment von Morisawa, zahlreiche begehrte Schriften von TypeBank sowie weitere hochgeschätzte Schriftarten aus dem Hause Dainippon Screen Manufacturing, das mit der renommierten Typedesigner-Gruppe Jiyukobo zusammenarbeitet und unter anderem die Hiragino-Fonts erfolgreich vertreibt. Apple verwendet die Hiragino-Fonts für die Darstellung japanischer Texte im Betriebssystem OS X seit dessen Einführung der Beta-Version 2000 und seit 2008 auch im iOS.

Wegen einem aus Sicherheitsgründen eingeführten Postverkehr zwischen Anbieter und Lizenznehmer kommt die Nutzung dieses Services grundsätzlich nur bei denjenigen in Frage, die in Japan wohnhaft sind. Als »Ausnahmefall« durfte ich auch eine Lizenz erwerben und laut Auskunft von Morisawa bin ich einer der ganz wenigen Lizenznehmer – wahrscheinlich der einzige in ganz Europa –, die ihre Grafikdesign-Leistungen mit MORISAWA PASSPORT außerhalb Japans anbieten.

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