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Typografie im japanischen Alltag

Die Japaner haben es eigentlich nicht nötig, das lateinische Alphabet zu verwenden. Aber die westlichen Kulturen übten eine große Faszination auf sie aus und viele fanden die lateinischen Buchstaben ziemlich schick. Die Folgen hiervon sind im japanischen Alltag heutzutage unübersehbar, und sie sind nicht immer erfreulich.

Lateinische Buchstaben im japanischen Alltag

Ursprünglich besaßen die Japaner keine eigenständige Schrift. Sie haben es den Chinesen zu verdanken, dass sie überhaupt mit dem Schreiben beginnen konnten. Vermutlich deshalb hatten Japaner auch später nie Hemmungen bei der Verwendung fremder Schriften in ihrer Schreibkultur, so dass das lateinische Alphabet bedenkenlos von ihnen integriert wurde*.

Helvetica! Helvetica!

Die Japaner brauchen das Alphabet aber nicht, um ihre Sprache zu schreiben. Man könnte sagen, dass lateinische Buchstaben hauptsächlich fürs Schmücken verwendet werden und weniger dafür, dass jemand sie liest. Die simplen, rationalen Formen der Buchstaben sind es, was die Japaner so fasziniert. Klare, zeitlose und unpersönliche Schriftarten sind besonders bei Designern beliebt. Einmal dürfen Sie raten, welche Schriftart dort am meisten gefragt ist – richtig, die Helvetica.

Wer Japan besucht und kein Japanisch versteht, sucht nach Informationen in lateinischen Buchstaben und findet sie auch überall. Auf den Bahnhofsschildern stehen die Namen des aktuellen Bahnhofs und der (soweit der Bahnhof keine Endstation ist) zwei angrenzenden Stationen meist auch in lateinischen Buchstaben – wenn nicht in Helvetica, dann in den seltsam anmutenden Buchstaben eines japanischen Fonts. Aufmerksame Betrachter erkennen schnell an den unattraktiven Schriftarten und ungeschickten Satzarbeiten, wie unbedeutend das lateinische Alphabet für Japaner eigentlich ist. Aber ihnen ist auch klar, dass man den Japanern keine Vorwürfe machen kann. Es gehört nicht wirklich zu ihrer Kultur und man kann auch nicht erwarten, dass sie alles perfekt machen. Vielleicht wollten sie das Alphabet nur irgendwo anwenden, weil es weltgewandt, modern und schick wirkt. In gewisser Weise mag auch eine Art Höflichkeit der Grund sein, denn es ist ja nicht verkehrt, wenn man damit den Reisenden aus dem Ausland bei der Orientierung helfen kann.

Typografie in Japan, Bahnhofsschild Tokyo

Tōkyō Station der Yamanote-Linie. Das »ō« (o Makron) sieht man fast ausschließlich in Ortsbezeichnungen. Es zeigt an, dass der Vokal lang, wie Honig, ausgesprochen wird.

Typografie in Japan, Bahnhofsschild Shibuya

Shibuya Station der Hanzōmon-Linie (Tokyo Metro). In Japan ist nicht festgelegt, wo genau eigentlich ein Bindestrich gesetzt wird. Er ist genau genommen kein Bindestrich sondern er funktioniert wie ein Trennstrich, der für eine richtige Silbentrennung bei der Aussprache sorgt.

Typografie in Japan, Bahnhofsschild Gijukukokomae

Gijukukōkōmae Station der Ōwani-Linie in der Präfektur Aomori. In der Provinz scheint Typografie ein Fremdwort zu sein. Auch die Helvetica kennt dort niemand. Alles, was nicht in den verfügbaren Platz passt, wird passend gemacht. Trennstriche? Fehlanzeige. Ich würde schreiben: Gijuku-kōkō-mae

Viel Nachholbedarf

Ich persönlich finde es nicht so schlimm, wie in Japan mit den lateinischen Buchstaben umgegangen wird. Merkwürdige Schriftarten und unbeholfene Satzarbeiten haben irgendwo auch ihren eigenen Charme. Aber in international repräsentativen Bereichen, unter anderem im öffentlichen Verkehrssystem in und um Tokio, kann ich darüber nicht immer lachen und sehe noch sehr viel Nachholbedarf. Das typografische Niveau der auf Englisch geschriebenen Informationen und elektronisch angezeigten Nachrichten im Shinkansen, dem japanischen Hochgeschwindigkeitszug, ist ungemein niedrig. Da wünsche ich mir mehr Beteiligung von fachkundigen Grafikdesignern.

  1. Portugiesische Missionare kamen Ende des 16. Jahrhunderts nach Japan, um ihre Religion in Japan zu verbreiten. Mit ihnen kam das lateinische Alphabet. Aber das Christentum wurde recht bald von der Regierung verboten und Japan schottete sich für ca. 250 Jahre weitgehend von der Außenwelt ab, was auch für das Alphabet das vorläufige Ende bedeutete. Erst nach der Meiji-Restauration 1868 bekam das Alphabet starken Aufwind und begann die japanische Gesellschaft zu durchdringen.