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»Auslandseinsatz« japanischer Fonts

Stellen Sie sich vor, Sie hätten nur Times New Roman und Arial zur Verfügung. Bold-Schnitte davon gäbe es nicht und Sie wären gezwungen, künstlich »verfettete« zu benutzen. Und zwar für Ihre Geschäftspapiere, Imagebroschüren, Anzeigen, Magazine, Verpackungen und einfach für alles – Wäre das nicht grauenhaft?

Japanische Fonts im Ausland

Ich übertreibe nicht. Viele Japaner im Ausland schreiben und setzen tatsächlich heute noch unter ähnlichen Bedingungen, mit sehr wenig Freiheit zur Spontanität und Kreativität, japanische Texte.

Die Welt der Gratis-Fonts für Japanisch

Es gibt auf Windows-PCs zwei allseits bekannte japanische Schriftarten: MS Mincho und MS Gothic. Da die meisten Rechner auf dieser Erde Windows-PCs sind und für dieses Betriebssystem diese zwei Fonts lange die einzigen frei verfügbaren aus Japan waren*, wurden und werden die meisten japanischen Texte im Ausland in diesen Fonts gesetzt. Bei beiden gibt es nur eine einzige Strichstärke (Abb. 1). Um eine fette Schriftvariante zu erzeugen, kann man in Textverarbeitungsprogrammen wie z.B. MS Word einfach auf den Knopf »F« drücken, wodurch die Schrift elektronisch »verfettet« wird.

Gelegentlich landen japanische Texte auch bei Mac-Usern. Ihr Schicksal ist vielleicht etwas glücklicher als das ihrer Kollegen, die auf Windows bearbeitet werden, denn es gibt auf Mac OS X immerhin drei verschiedene Schriftarten für Japanisch, von denen zwei mit echten Bold-Schnitten ausgestattet sind (Abb. 2): Hiragino Mincho (W3, W6), Hiragino Kaku Gothic (W3, W6, W8) und Hiragino Maru Gothic.

Falls Sie eine PDF-Datei mit japanischem Text zur Hand haben, öffnen Sie sie in Acrobat und schauen Sie in »Eigenschaften« nach »Schriften« (cmd bzw. ctrl + D, dann unter »Schriften«). Sie werden wahrscheinlich den einen oder anderen oben genannten Schriftnamen wiederfinden.

Bei der Entscheidung, was mit einem Betriebssystem oder Programm mitgeliefert wird, geht man natürlich davon aus, dass Nicht-Japaner im Ausland nur das Mindeste benötigen, vielleicht zum Anschauen japanischer Texte auf ihrem Bildschirm. Und eben dieses Mindeste sind die oben genannten Gratis-Fonts. Dies hat dazu geführt, dass im Ausland alles mit ihnen geschrieben, gesetzt und gedruckt wird. Jedes Unternehmen, jedes Produkt, jede Speisekarte präsentiert sich in denselben Schriftarten. Japanisch-Übersetzer benutzen sie in ihrem Word-Dokument. Daraus wird ein PDF generiert und schließlich, ohne eine Revision durch einen Setzer, an die Druckerei weitergeleitet. Nicht nur in Deutschland sondern auf der ganzen Welt außerhalb Japans ist das die gängige, preiswerteste Praxis, bedauerlicherweise.

Nicht nur die Schriftarten sind das Problem

Wie schon angedeutet, sind Übersetzer keine Setzer. Sie sind Fachleute für die Übersetzung aber müssen sich nicht mit Satzregeln und Typografie auskennen. Auch wenn einige von ihnen Kenntnisse auf diesem Gebiet haben, können sie sie ohne die richtigen Programme und technisches Know-how nicht umsetzen. MS Word ist ein Textverarbeitungsprogramm und kein Satzprogramm. Wenn MS Word nicht alles kann, was ein Satzprogramm problemlos meistert, ist das kein Mangel. Es ist schlicht nicht dafür gemacht. Trotzdem gibt es Übersetzer, die mit aller Gewalt versuchen, komplexe Satzarbeiten in MS Word auszuführen. Ein so entstandenes Word-Dokument ist sehr fragil und sein Layout geht auf anderen Rechnern schnell kaputt. Hier ist wieder derselbe Teufelskreis vorprogrammiert: PDF beim Übersetzer erstellen lassen und ab in die Druckerei.

Japanische Version von InDesign ist aktuell nicht ohne Grund das beste professionelle Satzprogramm für Japanisch. Alles, was man sich auf Papier wünscht, kann damit effektiv und kompromisslos realisiert werden. Sprechen Sie mich an, wenn Sie ein für allemal genug davon haben, sich damit zu quälen, Satzarbeiten in MS Word durchzuführen.

Abb. 1 MS Mincho (oben) und MS Gothic: ein gleichgültiges Bekenntnis zum schlechten Geschmack

MS Mincho und MS Gothic

Es gibt noch drei Schwester-Schriften: MS P Mincho, MS P Gothic und MS UI Gothic. »P« steht für »Proportional«, »UI« für »User Interface«. MS Mincho ist beispielsweise eine Monospace-Schrift (nichtproportional). Bei MS P Mincho sind lediglich die Kana sowie die die Buschstaben und Ziffern westlicher Alphabete proportional. Hierbei ist die Breite jedes einzelnen Kana zwar individuell, die Form jedoch unverändert. Bei MS UI Gothic sind die Kana ebenfalls proportional und zusätzlich 20 Prozent schmaler gezeichnet als das Original. So können sie besser für die Benutzeroberfläche – User Interface – eingesetzt werden. Im großen und ganzen sind sie vom äußeren Eindruck her alle gleich.

Abb. 2 Die Hiragino-Schriften: Hiragino Mincho W3, W6, Hiragino Kaku Gothic W3, W6, W8 und Hiragino Maru Gothic W4 (Kaku = eckig, Maru = rund)

Hiragino-Fonts in Mac OS X

Über Schönheit lässt sich zwar streiten, aber die Hiragino ist meiner Meinung nach eine sehr ausgeglichene großartige Schrift. Sie wurde Anfang der 90er Jahre von Jiyukobo, einer der bedeutendsten Typedesigner-Gruppen Japans, entwickelt. Leider, oder zum Glück für Grafikdesigner, wurden auch in diesem Fall nur die nötigsten Schriftschnitte im Betriebssystem von Apple bereitgestellt. Die komplette Familie, die auch zum Lizenzprogramm MORISAWA PASSPORT gehört, ist recht groß und besteht insgesamt aus 60 Schnitten:

Hiragino Mincho W2–W8
Hiragino UD Mincho W4, W6
Hiragino Mincho Kana Horizontal W3–W6

Hiragino Kaku Gothic W1–W9
Hiragino UD Kaku Gothic W3–W6
Hiragino UD Kaku Gothic F (Fine/Flat) W3–W6
Hiragino Kaku Gothic Old W6–W9
Hiragino Kaku Gothic AD Kana W1–W9
Hiragino Kaku Gothic Kana for Packaging W2–W6

Hiragino Maru Gothic W2–W6, W8
Hiragino UD Maru Gothic W3–W6

Hiragino Gyosho W4, W8

Es gibt noch einige japanische Schriftarten, denen man im Ausland eventuell begegnet, da sie entweder preisgünstig oder mit bestimmter Software gebündelt sind:

Heisei-Fonts

Sie sind in Europa einzeln oder als Paket erhältlich. Auch das in der Branche relativ bekannte Großpaket vom Schriften-Discounter DynaFont enthält die gesamten Heisei-Fonts. Die Geschichte dieser Schriftfamilie begann Ende der 80er Jahre als ein Gemeinschaftsprojekt von Staat und 51 privaten Unternehmen, die gemeinschaftlich eine digitale Standardschrift für alle entwickeln wollten. So entstand die Heisei-Familie. Aber die Entwicklung verlief viel rasanter, als die Entwickler damals dachten. Andere Schriftenhäuser brachten einen schönen Font nach dem anderen auf den Markt und schon bald musste man sich fragen, welchen Sinn die Heisei-Fonts noch haben.

Kozuka-Fonts

Die Großfamilie Kozuka mit je sechs Schnitten für Mincho und Gothic wird im Paket zusammen mit diversen Adobe-Programmen wie InDesign, Illustrator, Photoshop oder Acrobat geliefert und ist so auch auf vielen Rechnern außerhalb Japans verfügbar. Der Name stammt von Masahiko Kozuka, geboren 1929, den man als Großmeister der Entwicklung japanischer Schriften bezeichnen kann. Er beschäftigt sich seit mehr als einem halben Jahrhundert mit Schriftentwurf. Als technikbegeisterter Mensch verwendete er stets modernste Technologie und eigene Methoden für seine Arbeiten. So kam Anfang der 90er Jahre eine Zusammenarbeit mit dem Software-Unternehmen Adobe zustande, das damals (noch) intensiv an Multiple Master Fonts arbeitete. Die Kozuka-Fonts wurden in unglaublicher Geschwindigkeit fertiggestellt (6 Schnitte, ca. 60.000 Zeichen, in weniger als zwei Jahren) und das ist vielleicht der Grund, warum ihnen die gewisse Wärme fehlt und sie keine große Verbreitung finden, obwohl sie im Bündel mit den oben genannten Programmen vertrieben werden.

Fonts aus MS Office

Mittlerweile bringt auch Microsoft Office Mac etliche japanische Fonts mit. MS Mincho und MS Gothic sind aber schon seit Langem mit der Software gebündelt, so dass die wenigen Japanisch-Übersetzer, die mit Mac arbeiten, auch wegen der Windows-Kompatibilität eben diese beiden Fonts verwenden. Bei der neuesten Software-Version 2011 sind 10 neue Schriftarten hinzugekommen. Dazu gebe ich hier keinen Kommentar mehr ab. Diese Seite ist ohnehin schon lang genug. Danke!

Grafiker in Japan arbeiten mit »anderen« Schriftarten

Für diejenigen, die sich durch Klasse von der Masse abheben wollen, kommt der Einsatz von Gratis-Fonts prinzipiell nicht in Frage. Um anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen, beziehen japanische Grafiker ihre Schriften von den bewährten Schriftenherstellern wie Morisawa, Fontworks, Iwata, Jiyukobo, NIS, Ryobi, Screen, Motoya, TypeBank oder Type Projekt, um nur einige zu nennen.

Die »anderen« Schriften sehen Sie HIER

Der Marktführer Morisawa übernahm 2011 zwei Konkurrenten TypeBank und Ryobi, und somit wurde das ohnehin sehr große Schriftensortiment noch weiter ausgebaut. Auch ich beziehe meine Schriften unter anderem von Morisawa, und stelle sie Ihnen hier ausführlich vor.

  1. MS UI Gothic und Meiryo
  1. Mit der Markteinführung von Windows Vista wurde MS UI Gothic von der neuen Schriftfamilie Meiryo abgelöst. Sie besteht zwar aus den vier Schnitten Regular, Italic, Bold und Bold Italic, aber »Italic« gibt es bei japanischen Schriftzeichen nicht, so dass sie eigentlich nur aus zwei Schnitten besteht. Für die lateinischen Buchstaben und die Ziffern hat der britische Altmeister Matthew Carter seine Verdana umgestaltet, an der auch die Gestaltung der gesamten Kanji und Kana orientiert ist. Verdana ist eine für die Bildschirmdarstellung optimierte Schrift, das gilt genauso für die Meiryo, was aber gleichzeitig bedeutet, dass das Hauptaugenmerk ihrer Entwickler nicht auf der Schönheit der Schriftdarstellung auf Papier lag.